Kreatin — das Supplement, an dem es nichts zu optimieren gibt
Wirkstoff-Guide

Kreatin — das Supplement, an dem es nichts zu optimieren gibt

Ladephase, Timing, Traubensaft, HCl statt Monohydrat, Zyklen mit Pause: Um Kreatin hat sich eine ganze Optimierungsindustrie gebaut. Fast alles davon ist überflüssig. Was tatsächlich zählt, sind zwei Dinge — und beide kosten dich keinen Rappen mehr.

Coach Claudio 10 Min. Lesezeit 7 Kreatinformen im Vergleich
Der Punkt, den fast alle übersehen

Kreatin wirkt über gesättigte Speicher, nicht über einen Einnahmemoment. Es gibt keine Spitzenkonzentration, die du treffen musst, und keinen Effekt, den du verpasst, wenn du es abends statt nach dem Training nimmst. Die zwei einzigen Variablen, die messbar etwas ändern: die Form — Monohydrat — und ob du es wirklich jeden Tag nimmst. Der Rest ist Beschäftigungstherapie.

Kreatin ist eine körpereigene Verbindung aus Arginin, Glycin und Methionin. Rund 95 Prozent des Bestands liegen im Skelettmuskel, überwiegend als Phosphokreatin. Dessen Aufgabe ist simpel und brutal schnell: Es gibt eine Phosphatgruppe an ADP ab und macht daraus wieder ATP — in Millisekunden, ohne Sauerstoff, ohne Umweg über den Stoffwechsel.

Genau deshalb wirkt Kreatin dort am stärksten, wo es um Sekunden geht: schwere Sätze, Sprints, wiederholte explosive Belastungen. Ein voller Phosphokreatinspeicher bedeutet ein bis zwei zusätzliche Wiederholungen pro Satz. Über Monate summiert sich das zu deutlich mehr Trainingsvolumen — und Volumen ist der Treiber von Hypertrophie. Kreatin baut keinen Muskel auf. Es lässt dich das Training absolvieren, das ihn aufbaut.

Der Tagesumsatz liegt bei ein bis drei Gramm. Ein Teil wird körpereigen gebildet, der Rest kommt aus Fleisch und Fisch — rund vier bis fünf Gramm pro Kilogramm rohes Fleisch. Wer wenig oder kein Fleisch isst, startet mit deutlich leereren Speichern und spürt die Aufsättigung entsprechend deutlicher.

— Wirkmechanismus (antippen)
— Wirkungsprofil realistisch bewertet

Der unterste Balken steht auf 5, und das ist wichtig. Kreatin verbrennt kein Fett. Es speichert Wasser in der Muskelzelle, was auf der Waage in den ersten Wochen ein bis zwei Kilo ausmacht — nach oben. Wer in einer Diät steckt und das nicht weiss, hält sich für gescheitert und setzt ab. Genau falsch: In einer Diät ist Kreatin eines der wenigen Mittel, das hilft, Kraft und damit Muskulatur zu halten.

Und noch etwas Unbequemes: Nicht jeder reagiert. Etwa jeder Vierte bis Fünfte zeigt kaum einen Anstieg des Muskelkreatins — meist Leute, deren Speicher durch viel Fleisch ohnehin fast voll sind, oder solche mit einem niedrigeren Anteil schneller Muskelfasern. Wenn du nach acht Wochen bei täglicher Einnahme nichts merkst, liegt das nicht an der Marke und nicht an der Ladephase. Dann gehörst du wahrscheinlich zu dieser Gruppe.

— Dosierung und Anwendung
Standard: 5 g täglich, dauerhaft, ohne Pause
Ladephase optional: 20 g auf vier Portionen verteilt, 5 bis 7 Tage, danach 5 g
Endergebnis: In beiden Fällen identisch — die Ladephase spart nur Zeit
Ohne Ladephase bist du nach drei bis vier Wochen genauso voll wie der, der eine Woche lang 20 g geschluckt hat. Der einzige Grund zu laden ist ein Wettkampf in vierzehn Tagen.
Die ehrliche Antwort: Der Zeitpunkt ist fast egal
Was untersucht wurde: Eine kleine Studie mit 19 Teilnehmern fand einen leichten Vorteil für nach dem Training — der Unterschied war klein und wurde nie sauber bestätigt
Was wirklich zählt: Dass du es nicht vergisst
Nimm es dann, wann du es garantiert nicht vergisst. Bei den meisten ist das mit dem Frühstück, nicht nach dem Training — denn Trainingstage gibt es nur vier pro Woche, Frühstück gibt es sieben.
Vegetarisch und vegan: Gleiche Dosis, aber deutlich grösserer spürbarer Effekt — die Ausgangsspeicher sind tiefer
Ab 50: Zunehmend interessant, weil Kreatin in Kombination mit Krafttraining dem altersbedingten Muskelabbau entgegenwirkt
Frauen: Identische Wirkung, identische Dosis. Der Mythos vom „massigen" Aussehen hat keine Grundlage — die Wassereinlagerung ist intrazellulär
Fürs Gehirn: Hier braucht es mehr als 5 g, weil die Blut-Hirn-Schranke Kreatin nur begrenzt durchlässt
Die kognitiven Studien arbeiten mit deutlich höheren Einzeldosen als die Sportstudien. Wer Kreatin für den Kopf nimmt, kommt mit 5 g nicht weit.
Mit Protein: Unproblematisch und praktisch — einfach in den Shake
Mit Koffein: Eine ältere Studie fand eine Abschwächung, spätere Arbeiten nicht. Der Punkt gilt als ungeklärt, in der Praxis unproblematisch
Mit Beta-Alanin: Sinnvoll und komplementär — Beta-Alanin erhöht Carnosin, das Protonen abpuffert, während Kreatin die schnelle Energiebereitstellung liefert
Mit Kohlenhydraten: Verbessert die Aufnahme geringfügig. Bei normaler Ernährung irrelevant
Traubensaft brauchst du nicht. Der Effekt existiert, ist aber so klein, dass er bei täglicher Einnahme über Wochen keine Rolle spielt.
— Auf einen Blick
Standard0g · täglich
Ohne Pause, dauerhaft
Ladephase0g · 5–7 Tage
Optional, nicht nötig
500 g Dose0Portionen à 5 g
Rund 3 Monate
— Dosierungsrechner
Körpergewicht80 kg
Ernährung
Start
5 g
Täglich, dauerhaft

Auffällig am Rechner: Das Körpergewicht ändert wenig. Das ist beabsichtigt. In der Literatur wird die Erhaltungsdosis entweder pauschal mit drei bis fünf Gramm angegeben oder mit etwa 0,03 Gramm pro Kilogramm — bei achtzig Kilo also 2,4 Gramm. Fünf Gramm liegen komfortabel darüber und decken praktisch jeden ab. Nur sehr schwere Athleten mit viel Magermasse profitieren von mehr.

Wer irgendwo eine Formel mit 0,05 bis 0,07 Gramm pro Kilogramm liest: Die steht in keiner Quelle, die das belegt. Kreatin ist kein Wirkstoff, bei dem Feinjustierung etwas bringt — der Speicher ist irgendwann voll, und alles darüber verlässt den Körper über die Niere.

— Zeitverlauf
Tag 1–7
Mit Ladephase: Speicher voll
Bei 20 g täglich sind die Muskelspeicher nach fünf bis sieben Tagen weitgehend gesättigt. Häufigste Nebenwirkung in dieser Phase: Völlegefühl oder weicher Stuhl, weil die Einzelportion zu gross war.
Woche 1–2
Gewicht steigt
Ein bis zwei Kilo, praktisch vollständig Wasser in der Muskelzelle. Das ist kein Fett und kein Aufschwemmen unter der Haut — aber es steht auf der Waage.
Woche 3–4
Ohne Ladephase: Speicher voll
Bei 5 g täglich dauert die Aufsättigung drei bis vier Wochen. Endzustand identisch zur Ladephase. Ab hier ist die Leistungswirkung vollständig da.
Woche 4–12
Der eigentliche Effekt
Mehr Wiederholungen pro Satz, mehr Gesamtvolumen, in der Folge messbar mehr Kraft und Masse. Das ist der Punkt, an dem sich Kreatin auszahlt — nicht in Woche eins.
Nach dem Absetzen
4–6 Wochen bis zum Ausgangswert
Die Speicher leeren sich langsam. Das aufgebaute Trainingsvolumen und die daraus entstandene Muskulatur bleiben — es verschwindet das eingelagerte Wasser, nicht der Fortschritt.
⚖️ 7 Kreatinformen im direkten Vergleich
FormKreatinanteilStudienlageLöslichkeitPreisSinnvoll?
Monohydrat, mikronisiert~88%Sehr umfangreichGutGünstigErste Wahl
Monohydrat, normal~88%Sehr umfangreichMässig, setzt sich abAm günstigstenGleichwertig wirksam
Creapure~88%Wie MonohydratGutTeurerNur für Reinheitsnachweis
Kreatin-HCl~78%DünnSehr gutDeutlich teurerKein belegter Vorteil
Kre-Alkalyn~88%Zeigt keinen VorteilGutTeurerNein
Kreatin-Ethyl-Ester~82%Zeigt UnterlegenheitGutTeurerNein
Kreatin-Nitrat~66%Sehr dünnSehr gutTeurerNein
Ehrlich eingeordnet: Mikronisierung ist kein Wirkstoffvorteil. Feiner gemahlenes Monohydrat löst sich besser, setzt sich im Glas nicht so schnell ab und liegt weniger schwer im Magen — das ist ein Komfortmerkmal, kein Leistungsmerkmal. Der eigentliche Punkt der ganzen Tabelle: Keine der teureren Formen hat je gezeigt, dass sie besser wirkt als Monohydrat. Beim Ethyl-Ester wurde sogar das Gegenteil gemessen, weil ein erheblicher Teil im Verdauungstrakt zu Kreatinin zerfällt.
— Mythen und häufige Fragen
Bei nierengesunden Personen gibt es dafür keinen Beleg — auch nicht in Langzeitanwendungen über mehrere Jahre. Der Ursprung des Mythos ist ein Laborwert: Kreatin erhöht den Kreatininspiegel im Blut, weil Kreatinin sein normales Abbauprodukt ist. Genau dieser Wert wird zur Beurteilung der Nierenfunktion herangezogen. Ein erhöhter Kreatininwert unter Kreatineinnahme ist also erwartbar und kein Hinweis auf einen Schaden.
Sag ihm, dass du Kreatin nimmst. Ohne diese Information wird der Wert falsch interpretiert und führt zu unnötigen Abklärungen. Wer den Wert sauber beurteilen will, setzt Kreatin drei bis vier Wochen vor der Blutentnahme ab oder lässt Cystatin C bestimmen — dieser Marker der Nierenfunktion wird von Kreatin nicht beeinflusst.
Der gesamte Mythos geht auf eine einzige Studie an zwanzig Rugbyspielern zurück, in der unter Kreatin der DHT-Spiegel anstieg. Haarausfall wurde dort nicht gemessen, und der Befund wurde nie reproduziert. Systematische Auswertungen späterer Studien finden keinen Zusammenhang zwischen Kreatin und Haarverlust. Wer erblich bedingt zu Haarausfall neigt, verliert Haare — mit oder ohne Kreatin.
Nein. Das Wasser wird in die Muskelzelle gezogen, nicht unter die Haut. Optisch führt das eher zu einem volleren, nicht zu einem schwammigen Aussehen. Auf der Waage sind es ein bis zwei Kilo in den ersten Wochen. Ob die Zellschwellung darüber hinaus die Proteinsynthese anregt, wie oft behauptet wird, ist eine Hypothese und nicht belegt.
Nein. Es gibt keine Toleranzentwicklung und keinen Hinweis darauf, dass die körpereigene Kreatinsynthese dauerhaft heruntergefahren wird. Dauerhafte Einnahme ist die einfachste und wirksamste Strategie. Wer absetzt, verliert über vier bis sechs Wochen die Sättigung und fängt beim Wiedereinstieg von vorne an.
Zwei realistische Erklärungen. Erstens: Du bist Non-Responder — etwa zwanzig bis dreissig Prozent zeigen kaum einen Anstieg des Muskelkreatins, typischerweise Leute mit hohem Fleischkonsum und damit bereits gut gefüllten Speichern. Zweitens: Der Effekt ist real, aber unauffällig. Ein bis zwei zusätzliche Wiederholungen pro Satz fühlen sich nach nichts an und machen über zwölf Wochen trotzdem den Unterschied. Prüf dein Trainingstagebuch, nicht dein Gefühl.
Quiz — Teste dein Wissen
Du nimmst seit einem Monat Kreatin und dein Arzt findet einen erhöhten Kreatininwert. Was bedeutet das?

Das Fazit in einem Satz: Kauf mikronisiertes Monohydrat, nimm fünf Gramm täglich, hör nicht auf, und ignoriere alles andere — die Ladephase, das Timing, den Traubensaft und jede Form, die teurer ist als Monohydrat. Kreatin ist das einzige Supplement im Regal, bei dem der billigste Weg gleichzeitig der beste ist.

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— Quellen
  • Kreider R.B. et al., J Int Soc Sports Nutr 2017 — Positionspapier der ISSN zu Sicherheit und Wirksamkeit von Kreatin
  • Hultman E. et al., J Appl Physiol 1996 — Aufsättigung mit und ohne Ladephase, identischer Endzustand
  • Syrotuik D.G. & Bell G.J., J Strength Cond Res 2004 — Responder- und Non-Responder-Profile
  • Spillane M. et al., J Int Soc Sports Nutr 2009 — Kreatin-Ethyl-Ester im Vergleich zu Monohydrat
  • Jagim A.R. et al., J Int Soc Sports Nutr 2012 — gepuffertes Kreatin (Kre-Alkalyn) ohne Vorteil
  • van der Merwe J. et al., Clin J Sport Med 2009 — DHT-Anstieg bei Rugbyspielern, Ursprung des Haarausfall-Mythos
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